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Heute Heimatkunde:
Der erste „NS-Märtyrer“ in Österreich nach dem Anschluss 1938


Am 12. März 1938 überfällt die Deutsche Wehrmacht Österreich und erzwingt den Anschluss an das Dritte Reich. Für den 10. April setzt Hitler eine Pseudo-Volksabstimmung über die „Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ an.
Ein junger SA-Mann aus Sölden wird mit „Wahlzetteln“ zur Siegerlandhütte im hintersten Windachtal im Gemeindegebiet von Sölden geschickt und verunglückt dabei tödlich. Sein Begräbnis wird von den Nazis zum propagandistischen Staatsakt aufgeblasen.

Wie viele andere Alpenvereinshütten war das 1930 erbaute Schutzhaus der DAV-Sektion Siegerland damals auch im Spätwinter bewirtschaftet. Hüttenwirt war Josef Schöpf aus Sölden, das legendäre „Knofele“, Großvater des heutigen Bürgermeisters. Franz Waldhart stieg bereits am Vortag zur Hütte auf, um der Belegschaft und den reichsdeutschen Gästen die Teilnahme an dieser sogenannten Volksabstimmung zu ermöglichen und ihre Stimmen dann nach Sölden zu bringen.
Soweit kam es, kam er dann nicht mehr.



Im Salzburger Volksblatt vom 13.4.1938 wurde, wie in anderen Zeitungsberichten auch, die Geschichte von den neuen Machthabern mehr auf Helden-Mythos getrimmt, als es dem tatsächlichen Hergang entsprach. Waldhart war mit Schöpf und drei Hüttengästen aus reinem Übermut noch auf das etwa eine halbe Stunde höher gelegene Windacher Schartl gestiegen und dort auf italienisches Staatsgebiet abgestürzt, wie im recht nüchternen örtlichen Polizeibericht nachzulesen ist.


Die Schulchronik von Sölden, im Abschnitt über die NS-Zeit wohl erst nachträglich auf Basis penibler „zeitnaher“ Notizen von den Schulschwestern verfasst, berichtet einigermaßen hämisch über das Begräbnis:




Am 12. April waren ca. 700 auswärtige SA-Männer hier zum Begräbnis des anläßlich der Abstimmung am 10. April auf der Siegerlandhütte verunglückten SA-Mannes Franz Waldhart. Die Beerdigung war zwar auf 9 Uhr angesetzt. Es wurde aber 12 Uhr mittags, bis die Teilnehmer mit ihrem Timtam von Kaisers zum Friedhof kamen. Der Sarg wurde mit einer Hakenkreuzfahne umwickelt ins Grab gesenkt, wobei ein paar pompöse Reden gehalten wurden. Und erst nach Beendigung der hitlerischen Aufmachung durfte der Seelsorger seines Amtes als Priester walten. Am kirchlichen Gottesdienst nahm wohl nur das hiesige Volk teil.


Die propagandistische Ausschlachtung des Opfer-Todes von Waldhart ist in einer kleinen Bilderserie, die hier erstmals veröffentlicht wird, dokumentiert:




Begleitung der Leiche zum Elternhaus im Weiler Kaisers




SA voraus




Aufbahrung in der Stube des Elternhauses




Totenwache ebendort durch die örtliche SA




Fast endloser Leichenzug vom Elternhaus zum Friedhof




Parteisoldaten als Sargträger, dahinter die Eltern des Toten im offenen Wagen




Einsegung am Friedhof in Sölden




Grab von Franz Waldhart




Oberland (Imst), 13.4.1938




Innsbrucker Nachrichten, 12.4.1948

Die „Innsbrucker Nachrichten“ berichteten am 13. April 1938 dann auch schwülstig vom Begräbnis des „treuen Kameraden, der im Dienste des Führers sein Leben gegeben hatte ... und nun eingegangen sei in die Reihen eines Horst Wessel“:




* * *

Gemeinden, die – wie Sölden – ein auf 100 Prozent Ja-Stimmen manipuliertes Abstimmungsergebnis vorweisen konnten, erhielten als Dank der Partei eine sogenannte „Hitler-Eiche“, die fast überall am Geburtstag des Führers mit mords Pomp eingesetzt wurde. Aus der erwähnten „Schulchronik“:



Am 20. April erfolgte die feierliche Einsetzung der Hitler-Eiche auf dem südlichen Kirchplatz. Der damalige Ortsgruppenleiter Hans Falkner trug sie mit einer Ehrfurcht wie Ministranten das Kreuz einer Prozession vorantragen. Begleitet von der Längenfelder Musik, von einem sachverständigen Förster, SA-Männern etc. bewegte sich der Zug vom Posthotel über die Straße hinein, beim Kirchweg hinauf zum Kirchplatz. Während des Einsetzens hielt der Bürgermeister Jakob Falkner vom Hof eine Ansprache, deren Inhalt von den Ortseinwohnern lächerlich empfunden wurde. Die Eiche sollte das 1000jährige deutsche Reich versinnbilden. Sie war aber trotz der sorgfältigsten Pflege nicht gewillt, am Kirchplatzl Wurzel zu fassen und verdorrte.


8.4.2018




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