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Kaunertalkraftwerk: Interview mit einem Experten

Das Kaunertalkraftwerk mit dem Speicher im Gepatsch und dem Krafthaus in Prutz ist seit über vierzig Jahren in Betrieb und produziert immer noch vorwiegend für den Export. Der Plan der TIWAG, dieses Kraftwerk zu einer Kraftwerkskette Ötztal-Pitztal-Kaunertal auszubauen, läßt übles befürchten. Wir sprachen mit einem Kraftwerksspezialisten, der uns unter der Voraussetzung, daß sein Name nicht genannt wird, einige interessante Details erzählt hat.

Wie lange laufen die Verträge?
50 Jahre. Aber nicht vom ersten Einsatz der Turbinen, sondern vom ersten Vollstau an gerechnet. Das heißt also bis 2019.

Da war ja am Anfang diese Hangrutschung, die den Vollbetrieb verzögert hat, nicht?
Genau. Taleinwärts rechts, hinter dem Damm. Man sieht ja noch den Hangriß. Etwa 100 Millionen Tonnen Gestein sind damals in Bewegung geraten. Aber diese Rutschungen sind dann Gott sei Dank ja zur Ruhe gekommen.

Aber der Dr. Schwab von der TIWAG, seit kurzem in Pension, hat einmal im Fernsehen auf die Frage, ob da nicht noch was passieren könnte, gesagt: „Man kann das nie ganz ausschließen.“
Ich weiß, das hätte er nicht sagen dürfen.

Es gibt im Tal aber auch Gerüchte, wonach auf beiden Seiten des Sees der Hang auch heute nicht wirklich stabil ist.
Dazu kann ich nichts sagen.

Angeblich gibt’s da von Seiten der TIWAG im Rahmen von Sicherheits-Checks Probebohrungen, die alles andere als -
Dazu kann ich wirklich nichts sagen.

Okay. Zurück zum Vertrag. Mit wem hat die TIWAG diese Verträge abgeschlossen?
Die Finanzierung des Kraftwerks Kaunertal wurde seinerzeit zu zwei Dritteln mit Hilfe von RWE und Bayernwerk AG bewerkstelligt. Die beiden haben sich damit ein Strombezugsrecht erworben. Den Deutschen, heute eben RWE und statt der Bayernwerk AG die EON, stehen somit zwei Drittel der im Kraftwerk Kaunertal abrufbaren Leistung zu.

RWE und EON haben damit den vollen Zugriff auf das Kraftwerk?
Auf zwei Drittel ganz genau. Aufgeschlüsselt sind das 44,4 Prozent RWE und 22,2 Prozent EON.

Und von den hier produzierten 680 GWh bekommen sie auch zwei Drittel? Aber die werden bezahlt?
RWE knapp über 300 GWh und EON knapp über 150 GWh. Die werden bezahlt, aber bezahlt wird ein sehr niedriger Preis. Man muß ja denken, daß es sich großteils um Spitzenstrom handelt. Die Kilowattstunde ist schon seinerzeit zu günstig ausgemacht worden. Das geht voll zu Lasten der TIWAG. Und auch dieser Betrag ist zwischenzeitlich noch einmal reduziert worden. Früher wurden damit knapp 400 Millionen Schilling erlöst, heute sind’s umgerechnet 320 Millionen Schilling pro Jahr.

Das heißt, hier wird viel verschenkt? Dafür zahlen wir Tiroler Stromkunden auf jede Kilowattstunde was drauf?
Das kann man so sehen. Aber das ist ein Problem der Vereinbarungen.



Das Kaunertalkraftwerk als Anhängsel des RWE-Konzerns: Auf der Internetseite der RWE wird es unter den eigenen Kraftwerkstandorten – „power plant sites“ - angeführt.

Wie ist das: Die Deutschen, heißt es, „fahren“ das Kraftwerk wie ein eigenes?
So ist es. Das Kommando zum Einschalten kommt aus Brauweiler bei Köln. Das ist die übergeordnete Stelle. Die geben den Befehl, d.h. ein Signal, dann wird in der Schaltzentrale im Krafthaus in Prutz ein Knopf gedrückt.

Die geben durch, wie viele MW grad gebraucht werden?
Ja. Beim Kochen zu Mittag oder bei beliebten Fernsehsendungen am Abend entsteht oft nach deren Ende eine riesige Verbrauchsspitze: Die Leute drehen das Licht auf, gehen zum Kühlschrank, starten sonst irgendein Gerät usw. Dann wird das Kaunertalkraftwerk oft nur für zehn Minuten angeworfen.

Kann die TIWAG das Kraftwerk auch für den Eigenbedarf in Betrieb nehmen?
Das TIWAG-Drittel wird zum Teil verkauft. Das nimmt RWE sozusagen mit. Hier muß man sagen, daß einiges von den 227 GWh pro Jahr, so viel macht der TIWAG-eigene Anteil aus, als Tauschpotential noch zur Verfügung stünde. Damit würde die Eigenversorgungsbilanz anders ausschauen als diejenige, die derzeit kursiert.

Aber es ist nicht alles Spitzenstrom, was im Kaunertalkraftwerk erzeugt wird.
Nein, obwohl es dafür vorgesehen wäre. Oft muß einfach Wasser abgearbeitet werden, weil das jeweilige Stauziel übertroffen wird. Dann wird sozusagen in diesem Spitzenkraftwerk Grundlast erzeugt. So kommt es zum Beispiel auch vor, daß zwölf Stunden durchgearbeitet wird.

Ist sozusagen der Gepatschspeicher zu groß oder der Maschinensatz zu klein?
Ja, man würde das heute anders machen. Und man könnte das anders machen. Es wird nämlich im Laufe eines Jahres etwas mehr als doppelt soviel Wasser abgearbeitet wie im Speicher Platz findet. So wird also laufend Zufluß abgearbeitet, auch im Sommer. Das Werk kommt auf ca. 1750 Volllaststunden. Das heißt, zu mehr als einem Drittel wird dort nicht Spitzenstrom erzeugt, weil das Jahr einfach nicht viel mehr als 1000 Stunden pro Jahr Bedarf an Spitzenstrom hat.



Touristenattraktion Gepatschspeicher im Frühjahr (Foto: ÖAV/Abt. Raumplanung)

Ist es so, daß die Deutschen anteilsmäßig Betriebskosten bezahlen?
Grundsätzlich ja. Bei außergewöhnlichen Kosten „spreissen“ sie sich aber. Da schaut es dann nicht so gut aus. Zum Beispiel beim Unglück im Wasserschloß Burgschrofen seinerzeit war das extrem.

Was war da?
Das war im September 1982. Da hat es einen Felsbruch im Stollen gegeben, einen sogenannten Verbruch. Dabei sind auch mehr als 30.000 Kubikmeter Wasser ausgetreten. Übrigens hat dieser Wasserschwall dann einen Teil des Ausbruchmaterials, das vor dem Stollenportal deponiert war, als Mure abgehen lassen. Da sind gewaltige Kosten angefallen in der Wasserschloß-Unterkammer und durch die Schäden, die durch die im Druckschacht mitgeführten Gesteinsbrocken an den Laufrädern und Düsen der Maschinen angerichtet worden sind. - Aber ich wollte noch etwas anderes sagen, nämlich, daß die Betriebskosten, wenn es außergewöhnliche sind, immer vorher genehmigt werden müssen von den Deutschen. Auch wenn irgend ein Teil im Krafthaus zur Reparatur herausgenommen werden muß, muß das von den Deutschen genehmigt werden.

Man steht also ziemlich unter Kontrolle der RWE?
Ja, klar. Die haben auch alle aktuellen Daten über Zuflüsse, Wasserstand, Arbeitsleistung usw. Für die Wartung finden immer wieder Betriebskonferenzen mit den Deutschen statt, wo ausgemacht wird, wann wo was abgeschaltet werden darf.

Stimmt es, daß der Speicher hoffnungslos verschlammt ist?
Ja, es ist ja praktisch nie gespült worden in den letzten Jahren. Das ist übrigens das selbe beim Längentalspeicher im Kühtai. Der ist ja schon bald zur Hälfte voll mit Letten. Da liegt einiges im argen. Und beim Gepatschspeicher, das stimmt, ist der Grundabfluß zugeschlammt.

Wie weit profitiert eigentlich das Unterliegerkraftwerk in Imst vom Kaunertalkraftwerk?
Das Kraftwerk Imst tut sich hart mit dem vom Kaunertalkraftwerk in Prutz abgearbeiteten Wasser. Das muß man in der Runserau oft übers Wehr rinnen lassen, weil die Deutschen ja fahren, wann es ihnen paßt und bei uns niemand einen Einfluß darauf hat, leider.

Wäre es also notwendig oder sinnvoll, das Innkraftwerk Imst auszubauen?
Auf jeden Fall. Man muß ja wissen, daß dieses Kraftwerk vor dem Kaunertalkraftwerk errichtet worden ist. Jetzt kommt dann womöglich noch das Kraftwerk Oberer Inn dazu. Da wär’ das schon zumindest eine Überlegung wert. Aber solche Ansätze sind, glaub ich, bei der TIWAG heute verpönt.

Wie ist das mit dem Talvertrag?
Hier hat sich die TIWAG verpflichtet, wie es heißt, „zur Abgeltung der meßbaren und unmeßbaren Schäden“ den Gegenwert von drei Prozent der im Kaunertalkraftwerk erzeugten Energie an das Land Tirol auszubezahlen. Das sind etwas mehr als 20 GWh pro Jahr und dafür bekommt das Land Tirol zum Beispiel für 2005 844.000 Euro.

Und aufgeteilt wird dieses Geld dann vom Land? Und wie?
Da bin ich zu wenig informiert. Das ist auch alles nicht ganz durchschaubar. Im Kaunertal wurde seinerzeit zum Beispiel das Schwimmbad mit solchem Geld gebaut, das heute eine Riesenlast für die Gemeinde ist. Daß die Zahlungen nicht die wirklich Geschädigten erreichen, ist sicher eine Tatsache.

Danke für das Gespräch.

2.3.2006


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